Reise in ein Abenteuer

Um kurz vor 02.00 Uhr in der Nacht beschleunigen die vier CFM56-5C-Triebwerke unseren A340-300 auf der RWY 36 in Istanbul. Einen kurzen Moment später verschwindet Flug RQ 9012 in der dunklen Nacht über dem Schwarzen Meer. Etwas mulmig ist mir schon, steht die Airline Kam Air doch auf der schwarzen Liste der EU. Aber schon kurz nach dem Steigflug beweist das Kabinenpersonal, dass Kam Air sicher schnell von der schwarzen Liste runter wäre, wenn sie nicht eine afghanische Airline wäre. Der Service ist professionell und steht dem mancher EU-Airlines in nichts nach. Lediglich das viele Plastik beim Essen zeigt, dass Umweltschutz in Afghanistan noch nicht angekommen ist.

Die Maschine ist schon etwas betagt. Die 23 Jahre sieht man ihr deutlich an. Von 2001 bis 2013 stand sie in den Diensten von Iberia, danach bei Philippine Airlines, bevor sie 2018 ins Register von Kam Air wechselte. Die 2003 gegründete Airlines besitzt insgesamt 11 Flugzeuge, darunter vier A340-300 und sieben Boeing 737-300/500. Die Auslastung heute ist gering. Nicht einmal die Hälfte der Sitzplätze ist belegt. Die Crew besteht hauptsächlich aus männlichem Personal, doch auch zwei Frauen kümmern sich um das Wohl der Gäste. Die Kabine darf ich fotografieren, die Crew jedoch nicht. Viel Zeit zum Schlafen bleibt nicht, denn schon nach dreieinhalb Stunden geht der A340 in den Anflug auf Masar-e Scharif im Norden Afghanistans. Heute wird direkt auf die RWY 06 angeflogen, keine Sightseeing-Runde um die Stadt wie sonst oft üblich. Um 07.22 Uhr setzen die Räder auf der gepflegten Landebahn auf. Ich bin in Afghanistan angekommen. Die Maschine parkt mitten auf dem Vorfeld vor dem Terminal. Ein alter Stadtbus mit deutschen Beschriftungen bringt mich ins Terminal. Hier in Masar-e Scharif muss ich einreisen. Das nötige Touristenvisum hatte ich mir beim Konsulat in München besorgt. Nur dieses darf aktuell in Deutschland Visa ausstellen. Die Taliban sind freundlich und hilftsbereit. Stempel in den Reisepass und „welcome to Afghanistan!“. Anschließend muss ich mich als Ausländer noch an einem anderen Schalter registrieren. Ich bin der einzige westliche Tourist. Sonst waren lediglich fünf Türken mit an Bord. Die Registrierung gestaltet sich dann etwas schwierig, da der Beamte wissen will in welchem Hotel ich gebucht habe. Das hat aber alles mein Guide für mich gemacht, ich habe keine Ahnung. Aber das Einladungsschreiben mit den Daten des Guides und seinen Kontaktdaten tut es dann.

Da der A340 als Inlandsflug weiter nach Kabul geht, muss ich meinen Koffer in Empfang nehmen, neu einchecken und durch die Sicherheitskontrolle wieder zum Boardinggate gehen. Das geht aber alles innerhalb von zehn Minuten. Dann bringt mich der Bus mit weiteren Gästen zurück zum A340.

Kurze Zeit später starten wir auf RWY 24. Um die Stadt Masar-e Scharif nicht zu überfliegen, folgt gleich nach dem Start eine schärfere Kurve nach rechts. Mit Südostkurs geht es nun über die kargen Berge des Hindukusch. Es gibt kaum ebene Flächen hier. Die erste wirklich nennenswerte sehen wir erst im Anflug auf Kabul. Die Stadt liegt nämlich in einem Talkessel, umgeben von vielen hohen Bergen.

Über einen Talausläufer im Osten dreht der A340 in den langen Endanflug auf RWY 29. Nach 42 Minuten Flugzeit setzen die Räder auf dem Hauptstadtflughafen auf. Ich bin tatsächlich in Kabul gelandet. Dem Flughafen, von dem man noch die vielen emotionalen Bilder und Videos von 2021 vor Augen hat, als die Taliban das Land übernommen und tausende Afghanen versucht haben, über den Flughafen das Land zu verlassen. Neben Kam Air bietet noch die zweite afghanische Airline Ariana Afghan Airlines Flüge ins In- und Ausland an. Sonst kommen momentan nur Turkish Airlines, FlyDubai und Air Arabia hierher.

Dass Kabul der wohl am besten gesicherte Flughafen der Welt ist, wird mir beim Verlassen des Terminals klar. Ich muss draußen im Freien 300m über verwinkelte Wege zu Fuß gehen, bevor ich den Abholerbereich erreiche. Hier treffe ich meinen Guide Ali. Er wird mir die nächsten drei Tage sein Land zeigen. Doch zunächst müssen wir weitere 700m zu Fuß gehen, denn Autos mit LPG-Tanks wie das unseres Fahrers dürfen nicht näher ans Terminal heranfahren.

– Früher durften hier Autos vorfahren. Heute darf man vor den Terminals nur noch zu Fuß gehen…

 

Als erstes kleide ich mich ein. Denn mit einheimischem Gewand falle ich als Tourist nicht so schnell auf und außerdem sehe ich es als eine Art von Respekt gegenüber den Menschen hier. Dann geht es heraus aus Kabul. Der Verkehr ist chaotisch, es gibt kaum Verkehrsregeln. Man fährt, wie es am besten passt. Den Führerschein bekommt man hier, wenn man ein Gebet aus dem Koran aufsagen kann, erzählt Ali.

Auf der Landstraße fahren wir Richtung Bamyan. Unterwegs immer wieder Straßenkontrollen durch die Taliban. Meist darf man ungehindert passieren, wenn sie „Tourist“ oder „Deutscher“ hören. Ab und an muss uns Ali auch in einem Buch registrieren. Die Taliban sind allgegenwärtig. Aber die Atmosphäre ist entspannt. Es läuft alles seinen Gang und die Menschen haben sich damit arrangiert. Auch Touristen sehen die Afghanen immer häufiger. Besuchten 2021 noch 691 Touristen das Land, waren es 2022 schon 2300 und 2023 bereits 7000. Die Straße wird nun richtig schlecht. Ein Schlagloch nach dem anderen. Hier sieht man noch deutlich die Spuren der harten Kämpfe der letzten Jahrzehnte. Als die Amerikaner hier waren, war diese Straße aufgrund der hohen Taliban-Präsenz unsicher und die Afghanen nutzten eine weiter entfernte Verbindung nach Bamyan oder sogar das Flugzeug, was die sicherste Anreise war. Heute ist die Straße wieder die sicherste. Der Flugbetrieb nach Bamyan wurde eingestellt.

Der Hindukusch zeigt sich auch hier von seiner bergigen Seite. Wir fahren den Hajigak-Pass hinauf. Die Lkws haben Mühe und kriechen mit Schrittgeschwindigkeit auf die Passhöhe von 3700m hinauf. Jeder zweite Lkw ist ein Mercedes Benz. Das scheint ein Statussymbol zu sein. Ein Benz muss es sein und dieser wird aufwändig und bunt bemalt. Immer wieder sieht man deutsche Kennzeichen, meist Ausfuhrkennzeichen, an Lkws und Pkws. Einige Lastwägen stammen von längst verschwundenen deutschen Firmen, andere gibt es noch. Afghanistan ist ein guter Abnahmemarkt für gebrauchte deutsche Fahrzeuge.

Kurz vor Bamyan zeigt mir Ali die archäologische Stätte Shar-e-Zohak. In dieser „Roten Stadt“, wie sie früher genannt wurde, lebten im Jahr 500-600 um die 3000 Menschen.

Dann kommen wir gegen Abend in Bamyan an. In dieser auf 2550m gelegenen Stadt leben 70.000 Afghanen. Im Mai 2024 wurden hier sieben europäische Touristen auf offener Straße erschossen. Die Hintergründe sind bis heute unklar. Es werden der IS oder anti-Taliban-Gruppen hinter dem Anschlag vermutet. Ali zeigt mir die Stelle des Attentats. Da überkommt einen schon ein etwas mulmiges Gefühl. Im Bamyan Royal Hotel beziehen wir unser Quartier. Die Qualität ist gut, man bekommt alles was man braucht.

Am nächsten Morgen brechen wir bereits in der Dämmerung auf. Wir wollen möglichst früh im schönen Morgenlicht am ersten Nationalpark Afghanistans ankommen. Der Band-e Amir Nationalpark wurde 2009 offiziell als solcher ins Register eingetragen. Die Fahrt dorthin dauert gut eineinhalb Stunden. Das letzte Stück ist Schotterpiste.

Das Herzstück des Nationalparks bilden sechs zusammenhängende Seen mit tiefblauem Wasser. Ein beeindruckender Anblick. Hier treffen wir auch andere afghanische Touristen. Und sogar eine einzelne europäische Touristin mit ihrem Guide. Sonst bin ich immer der einzige ausländische Tourist. 2023 zählte der Nationalpark über 100.000 Besucher.

Nach einem Frühstück in einem der lokalen Straßencafes fahren wir zurück nach Bamyan. Dort wollen wir uns die berühmten Buddhastatuen bzw. deren Überreste anschauen, die zum UNESCO Weltkulturerbe zählen. Unterwegs sehen wir viele Schulkinder. Mädchen wie Jungen. Viele von ihnen tragen einen blauen Unicef-Rucksack. Die Hilfsorganisation hatte vor der Machtübernahme der Taliban gute Dienste geleistet. In Bamyan bin ich wieder der einzige Besucher. In einer 38m bzw 55m hohen Aushölung im Fels konnten hier bis März 2001 die zwei größten stehenden Buddhastatuen der Welt bewundert werden. Leider wurden diese von den Taliban aus Protest gegen das Heiligtum der Buddhisten 2001 gesprengt und zerstört. Die Teile der im 6. Jhd. geschaffenen Statuen wurden mittlerweile geborgen und sorgfältig unter Dächern aufbewahrt. Es gibt seitens der Taliban Bestrebungen, die Statuen wieder aufzubauen. Doch bislang gibt es keine konkreten Ansätze. Das zeigt allerdings den aktuellen Kurs der Taliban. Sie wollen das Land wieder aufbauen und sich der übrigen Welt annähern.

Da es bereits nach Mittag ist, fahren wir zurück nach Kabul. Die Fahrt dauert mehrere Stunden. Durch die Autoabgase und den Staub auf den Straßen tränen mir die Augen, mein Hals schmerzt und meine Nase läuft ununterbrochen. Am Abend haben wir es geschafft, wir sind zurück in Kabul. Im Golden Star Hotel verbringen wir die Nacht.

– unser Hotel Golden Star in Kabul

– das Hotel hat einen eigenen Wachmann an einer Stahltür hinter der Rezeption

– Blick von meinem Hotelzimmer auf Kabul

 

Am letzten Tag meines Besuchs in Afghanistan besuchen wir den Berg Wazir Akbar Khan mitten in der Stadt, auf dem die größte Talibanflagge des Landes weht und man einen großartigen Ausblick auf die Stadt hat. Von hier aus sieht man auch die ehemalige US-Botschaft. Diese ist so groß wie eine Kleinstadt.

Das Highlight eines jeden Besuchs in Kabul ist sicherlich der Sakhi Schrein. In einer gepflegten Anlage erwartet den Besucher eine wunderschöne Moschee mit blauen glasierten Fliesen im neo-safawidischen persischen Stil. Die Anlage ist auch ein beliebter Ort zum flirten für die afghanischen Frauen. Gerade ich als Europäer werde besonders oft angelächelt und angesprochen. Doch die Taliban am Eingang haben ein wachsames Auge und so lehne ich die Angebote dankend ab. Eine Kontaktaufnahme mit Einheimischen ist nämlich nicht gestattet, zumindest an dieser Örtlichkeit.

Auf der Fahrt zum Darul Aman Palast entdecke ich sogar ein Flugzeugrestaurant. Eine alte MD-80 in Kam Air-Lackierung wurde aufs Dach eines Gebäudes gehievt und dient nun als Speiseraum.

– Frühstück in Kabul

Vom kürzlich restaurierten klassizistischen Darul Aman Palast, welcher 1920 von König Amanullah Khan erbaut wurde, hat man auch einen guten Blick auf die National Assembly. Hier war bis zur Übernahme der Taliban der Regierungssitz des Landes. 800m entfernt und mit einem unterirdischen Tunnel verbunden thront der Tajbeg Palast, welcher ebenfalls 1920 im Stil eines europäischen Herrenhauses errichtet wurde und als Wohnhaus der Königin diente.

– der Darul Aman Palast

– die National Assembly

– der Tajbeg Palast

 

Dann ist es eigentlich auch schon Zeit, zurück zum Flughafen zu fahren. Heute ist zwar Freitag, also unser deutscher Sonntag, aber dennoch ist der Verkehr unberechenbar. Da möchte ich nicht zu spät kommen. Auf dem Weg zum Flughafen liegt der Vogelmarkt. Den nehmen wir noch schnell mit. Zu Fuß schlagen wir uns ins Getümmel des Basars. Es gibt alles was das Herz begehrt. Von Kleidung über Maschinen bis hin zu Kampfhähnen.

 

Doch dann müssen wir wirklich zum Flughafen. Etwa einen Kilometer vor dem Terminal muss uns unser Fahrer aussteigen lassen. Zu Fuß muss ich mit Ali zwei Security-Checks passieren, bevor wir den Abholerbereich erreichen, wo wir uns verabschieden. Der Abschied fällt mir fast etwas schwer. Ali war ein super Guide und ich habe ihn als Freund ins Herz geschlossen. Weitere 300m weiter erreiche ich alleine das internationale Abflugsterminal. Am Eingang wieder ein Security-Check mit Durchleuchtung des Gepäcks und Absuche der Personen. Ein vierter und letzter schließlich nach dem Check-in und der Passkontrolle. Dann bin ich endlich am Abflugsgate.

Diesmal fliege ich mit einer 28 Jahre alten 737-300 von Kam Air. Die YA-KML stand bis 2019 in Diensten von Southwest in den USA. Heute bringt sie mich nach Islamabad in Pakistan. Auch dieser Maschine sieht man ihr Alter deutlich an.

 

Um 15.22 Uhr starten wir auf der RWY 11. Für die kurzen 45min Flugzeit braucht die 737 relativ viel Rollstrecke. Das ist aber bei 30°C und einer Platzhöhe von 1791m auch kein Wunder. Am Ende des Talkessels von Kabul drehen wir nach Süden ab und bauen weiter Höhe auf, um die Berge des Hindukusch überfliegen zu können.

 

Es dauert nicht lange, dann gehen wir auch schon wieder in den Sinkflug auf Islamabad über. Nach 42 Minuten landet Flug RQ927 in der Hauptstadt Pakistans. Mein Urlaub in Afghanistan ist zu Ende. Es waren beeindruckende drei Tage mit bleibenden Eindrücken. Ich habe das Land und die Menschen dort zu schätzen gelernt. Bleibt zu hoffen, dass das Land international Anschluss findet. Der Tourismus ist vielleicht der erste Weg dorthin…